Schattenspiele

9.8.’97

Hallo, Herr xxxxx!

Sie kennen mich nicht, ich Sie auch nicht, aber „sehr geehrter“ ist mir trotzdem zu förmlich, für einen Brief, der doch recht persönlich werden wird. Ich habe vorhin Ihren Leserbrief in der letzten Publik-Forum Ausgabe gelesen, und ich tu’s jetzt einfach, Ihnen schreiben; auch wenn’s vielleicht eine Schnapsidee ist – ich glaube nicht, dass es groß schaden kann. – und vielleicht hilft es mir.

In mir gärt es im Moment, und zwar mehr als gewöhnlich – ich merke es vor allem daran, wie oft ich auf Gelesenes spontan reagieren möchte, je nach Tenor mit Wut, hilfesuchend oder auch einfach nur ins Gespräch kommen wollend. Neulich war’s auch ein Leserbrief in P.F., vorgestern ein Artikel über Sekten, in dem schematisch in 5 Schritten der Weg in die Sektenabhängigkeit verdeutlicht wurde, und mir bewusst wurde, dass sich meine Therapiegeschichte genauso darstellen lässt, also in diesen Verlauf einordnen ließe.

Es ist meine Therapiegeschichte, die gärt, und mit der ich nicht fertig bin.

Was mich an Ihrem Brief angesprochen hat, ist, dass ich das, was Sie sagen, zunächst einmal ähnlich sehe (über das, was Therapie will). Vor allem das Zitat, das Sie bringen, deckt sich mit dem Standpunkt, an dem ich immer wieder lande, wenn ich innerlich wieder einmal mit meinen Eltern ringe:

Egal, was ihr falsch gemacht habt, so schlimm es auch war, ich bin durch euch auf der Welt, zum Teil auch gerade durch eure Fehler und durch eure kaputte Beziehung. Da ich froh darüber bin, zu leben, trotz alledem, bleibt unterm Strich immer, dass ich euch eben dieses Leben verdanke. Was soll ich länger mit euch hadern...

So kann ich dann wieder loslassen und da ankommen, wo ich jetzt stehe.

Ich glaube, dass ich letztlich auf eine Art so mit meinen Eltern ausgesöhnt bin – trotz allem – (und dieses trotz allem wäre eine sehr lange Geschichte, die ich hier nicht erzählen kann und möchte).

Nicht ausgesöhnt dagegen bin ich mit zwei „Menschengruppen“: den 68igern und den Psychotherapeuten.

Auch hier ist es so, dass ich hier Menschen dieser Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt mein Leben verdanke – ihnen aber ebenso das totale Abseits zu „verdanken“ habe, in dem ich mich seit Jahren befinde. Von Aussöhnung keine Spur.

Der Unterschied ist vielleicht, dass ich noch immer meine, die Hilfe dieser Menschen zu brauchen, um wieder ins Leben zurückkehren zu können – aber sie nicht bekomme. (In der Abhängigkeitssituation selbst, als Kind, zu Hause lebend, war auch mit meinen Eltern keine Aussöhnung möglich.)

Oder meine ich nur, diese Hilfe noch zu brauchen? Bindet mich nur die erlittene Misshandlung und der Wunsch nach Wiedergutmachung? Das klingt verdächtig nach Wiederholung...

Ich werde versuchen, Ihnen so kurz wie’s geht die Therapiegeschichte zu erzählen. Das kann ich hier ja gefahrlos tun, denn Sie sind weit genug weg, um mir nicht erneute therapeutische Hilfe anbieten zu können. Ich habe diese Geschichte noch nie einem Therapeuten erzählt, dazu kam es nie; es sei denn Bruchstücke in ohnmächtigen, verzweifelten und hasserfüllten Briefen an den letzten Therapeuten. Sie kommen sich jetzt wahrscheinlich (vielleicht) sehr überfallen vor, aber Sie können den Brief ja weglegen und in Etappen lesen. Aber ich hoffe, Sie lesen ihn.

Anfang 20 machte ich eine Alkoholismustherapie (ich bin also Alkoholikerin), bin seitdem trocken (heute 36 Jahre, weiblich) – seltsam, wie ich direkt in den Anamnesestil falle...; egal. Außerdem besuchte ich viele Jahre die AA-Gruppen.

Was zu der Suchttherapie vielleicht noch zu sagen wäre, ist, dass sie mit massiver Grenzüberschreitung endete, nämlich mit meinem Therapeuten im Bett. In diesem Zusammenhang sind noch zwei Dinge wichtig:

1.: Die Haltung der Konsiliarärztin der Einrichtung, als ich bei ihr Hilfe suchte: „...Sie müssen das verstehen, sie sind nun mal eine attraktive Frau..., für mich ist es auch oft schwer, bei gutaussehenden männlichen Patienten nichts sexuelles anzufangen...“. So viel dazu.

2.: Die eigentliche Grenzüberschreitung fand schon früher statt – ich denke, sie hat den weiteren Umgang mit Therapie für mich sehr geprägt): Ich erzählte irgendwann meinem Therapeuten (während ich tausend Tode starb) von meinen Wünschen und Phantasien von ihm als dem großen Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte. Ich fiel aus allen Wolken, als er sagte, aber das könne ich doch haben. Dann sei er eben ab jetzt dieser große Bruder...

Anstatt mit mir also über diese Phantasien zu sprechen, wurden sie – scheinbar – erfüllt Mein Kopf sagte damals schon „Nein! Was soll das!“ – weil es allem über Therapie widersprach, was ich wusste; aber meine Gefühle waren stärker – ich „flog“ quasi durch den Raum in eine Umarmung, obwohl ich auch fühlte, hier stimmt etwas nicht.

Ich glaube, damals wurde schon eine ganz wichtige Grenze verwischt, begann zu verwischen. Dass der „große Bruder“ dann irgendwann noch mit mir schlief, war schon nur noch die Fortsetzung.

So, das reicht, mehr kann ich nicht auf einmal. Gestern abend, nachdem ich den Brief so weit geschrieben hatte, spielte all das sowieso auf einmal keine Rolle mehr. Es steht mir irgendwie noch im Weg, aber eigentlich ist es nicht mehr wichtig. Was dann war, war allerdings nicht besser, sondern schlimmer. Vielleicht halte ich auch deshalb so daran fest, damit ich das andere nicht spüre. Die ganze Nacht und den Morgen, bis vorhin, quälte mich ein solcher Ekel vor diesem Teil der Welt, in dem ich lebe, den Menschen hier, dass es kaum noch zu ertragen war. „Gerettet“ hat mich, als ich in Gedanken anfing, einen Brief an die Schwester Oberin zu schreiben, die bis vor ein paar Wochen hier wohnte, jetzt aber weggezogen ist (ich bin keine Schwester; hier im Haus, einem ganz normalen Wohnhaus, keine Einrichtung, ist aber eine kleine „Filiale“ von Marienschwestern). Bei aller Ablehnung, die ich in solchen Phasen auch gerade der katholischen Kirche gegenüber empfinde, war diese Schwester doch nie davon betroffen. Sie hat eine Freundlichkeit, eine Ausstrahlung, die mich immer berührt und irgendwo besänftigt hat. Und darüber bin ich sehr froh.

Jetzt bin ich sehr geschafft, aber das liegt auch an der Hitze, die ich überhaupt nicht vertrage.

Ich hoffe, Sie sind nicht allzu perplex über diesen Brief, ich weiß selber noch nicht, wie ich mich fühlen werde, wenn ich ihn abgeschickt habe. Ich suche einfach nur immer noch nach einem Weg, diese Dinge aus dem Weg zu räumen. Vielleicht ist das ein Stück Weg. Wenn ich Ihnen wieder schreibe, werden Sie irgendwann verstehen, warum es auf dem „normalen“ Weg nicht mehr geht.

Wenn Sie mir antworten möchten, würde ich mich freuen, ich erwarte es allerdings nicht. Was ich mir wünschen würde, ist, dass auf die Art vielleicht ein Gespräch zustande kommt (ein schriftliches), das ich schon lange suche, und auch versucht habe, in Gang zu bringen, aber bis jetzt vergeblich.

Ich grüße Sie, unbekannterweise,

P.S. Bitte überlegen Sie nicht, wie Sie mir „helfen“ können. Danke

21.10.07 22:07

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