Schattenspiele

     Duisburg, den 10. Februar 2001

    Lieber Pater Anselm Grün!

 

   Schon mehrmals wollte ich Ihnen schreiben, einen Brief habe ich gar fertig geschrieben, aber nicht abgeschickt. Ich beziehe aus Ihren Büchern, d.h. denen, die ich gelesen habe, immer wieder Ermutigung und Vertrauen darin, dass das Leben es letztlich gut mit mir meint, so wenig ich das auch oft wahrzunehmen vermag. Heute bekam ich Ihr Buch über die Taufe.

 

Nachdem in meinen Träumen verschiedene Arten von Taufen in der letzten Zeit eine Rolle spielten, war mir eine Anzeige dieses Buches in Publik Forum ein Anstoß, mich auch mit der Taufe auseinanderzusetzen, die einst an mir vollzogen wurde. Taufe, was bedeutet das eigentlich? Ich bin getauft, was heißt das? Auch wenn ich noch keinen Weg zu Jesus Christus gefunden habe, bin ich ja doch getauft. Was bedeutet mir das, und was bedeuten mir die Tauferlebnisse aus meinen Träumen? Dem will ich in nächster Zeit ein wenig nachgehen und bin mir sicher, dass Ihr Buch mir sehr dabei helfen wird und ich noch oft darin lesen werde.

 

   Aber als ich heute darin blätterte, stieß ich irgendwann auch auf das, was Sie ganz am Schluss darin zum Jammern schrieben, und zum Selbstmitleid. Sie schreiben: „Ich erlebe immer wieder Menschen, die in ihrem Selbstmitleid zu versinken drohen. Sie kommen morgens schlecht aus dem Bett, weil es ihnen immerzu schlecht geht. Sie bedauern sich selbst und kreisen nur um ihre depressiven Gefühle. Ihnen sage ich immer wieder: „Du musst dich für das Leben entscheiden...“

 

   Ich bin froh, dass heute genau der Tag ist, der heute ist – dazu schreibe ich später noch etwas – denn sonst hätte mich das hier Gelesene sicher so verletzt, dass ich für den Rest des Buches vielleicht gar nicht mehr aufnahmefähig gewesen wäre. So war es eher umgekehrt: Ich nahm das hier Geschriebene als in krassem Widerspruch zu dem stehend wahr, was Sie sonst schreiben, und auch zu dem, was Sie sonst in mir bewirken. Und ich glaube auch, dass Sie das nicht bewirken wollen, was Sie hier tun. Das ist der eine Grund, weshalb ich wagen will, Ihnen zuschreiben.

  Ein anderer ist: auch ich bin getauft. Das, was Sie über Martin Luther hier schreiben, erinnerte mich an etwas, was ich gestern in der Stadt erlebte: kaum wage ich mich einmal hinaus, öffne meine Türen, fallen „sie“ über mich her, mich zu bekehren: die Zeugen Jehovas, Krishnas Jünger, – und ich war völlig verwirrt, bis ich auf einmal dachte: auch ich bin getauft. Und in diesem Gedanken lag alles, was ich brauchte. Ich fühlte mich nicht mehr bedrängt und auch nicht mehr geängstigt. Ich bin getauft... Rein intuitiv muss ich in diesem Moment etwas von der Bedeutung der Taufe erfasst haben. (Ein dritter Grund, dass ich mich an diesen Brief mache, ist natürlich auch, dass ich weiß, dass es mir selber zu mehr Klarheit verhilft, wenn ich das formuliere und festhalte, was mir eben blitzartig alles durch den Kopf ging...)

 

  Es sind mehrere Gedanken zum Thema Jammern und Selbstmitleid, die mir durch den Kopf gingen. Zunächst einmal fiel mir ein Satz ein, den meine Brieffreundin A. mir einmal schickte: „Selbstmitleid kann lange das einzige sein, was lebt in mir...“; ein Satz unter vielen Zitaten aus ihren Tagebüchern, die sie mir zusammengestellt hatte. Ich würde Ihnen gerne noch ein, zwei Sätze von diesem Blatt aufschreiben, aber ich ahne, dass es ihr nicht Recht wäre, darum unterlasse ich es. Vieles auf dieser Seite einfach ein Schmerzensschrei. Wie ich, seit sie auf dieser Welt ist ein Opfer von Gewalt und Missbrauch, in kaum krasser vorzustellender Form (sie). Und zwischen all diesem Schmerz dieser mir wärmend erscheinende Satz: „Selbstmitleid kann lange das Einzige sein, was lebt in mir..“. Ja, es ist Selbstmitleid, und Selbstmitleid ist nichts „Feines“, aber es lebt in ihr, und es ist das einzige... Traurig genug, und gleichzeitig Hoffnungsschimmer, denn wo etwas innen lebt, ist Wachstum möglich.

   Auch in mir war Selbstmitleid lange das einzige, was mich wärmte, was in mir lebte. Auch ich hörte irgendwann von jedem Menschen einmal: Jetzt mach dich endlich wieder auf den Weg. Hör auf zu jammern. Sieh all das Positive in deinem Leben... – es gibt viele Sätze dieser Art... Mit jedem dieser Sätze verlor ich einen Menschen mehr, bis schließlich keiner, wirklich keiner, mehr da war und ich allein in meiner Nacht war.   

   Über Jahre. Viele Jahre. In der Nacht der Angst und: des Hasses. Denn ich begann zu hassen; in erster Linie den Psychoanalytiker, der mich unsagbar gequält hatte, als ich Hilfe suchte - nichts Menschliches in mir, was er nicht gedemütigt und entwertet hätte, so schrieb ich noch vor einigen Tagen. Aber auch alle anderen, die mich allein ließen in meiner Not. Es gab keinen Weg mehr. Es gab nichts mehr. Es gab nur noch unerträgliche Qual.

   Ich hatte Angstzustände, die ich weder verstand noch bewältigen konnte, in meinem Bewusstsein geschahen Dinge, die mich fürchten ließen, wahnsinnig zu werden oder gar zu sein, ich hatte keine Freunde mehr, ich war zu keiner irgendwie gearteten Form von sozialem Leben mehr in der Lage; die Tatsache, dass ich mich irgendwie mit Lebensmitteln versorgen musste, bedeutete eine Anforderung, die mich lange Jahre nahezu überforderte. Und es gab keine Hilfe und keinen Hoffnungsschimmer, da professionelle Hilfe sich als eine Institution dargeboten hatte, die mich auch den letzten Glauben an Hilfe und eigentlich auch an den Menschen drohte verlieren zu lassen. Zumindest meine seelische Situation hätte kaum auswegloser sein können (immerhin hatte ich ja ein Dach überm Kopf und die materiellen Mittel – Sozialhilfe –, um mich zu ernähren).

  Und in dieser absoluten Ausweglosigkeit, die man sicher auch Depression nennen könnte, die aber nur eine Folgeerscheinung dessen war, was ich allein und ohne jegliche Hilfestellung bewältigen musste (und dass ich nicht wahnsinnig bzw. psychotisch geworden bin, ist für mich noch immer ein Wunder), ist etwas gewachsen; so langsam und unmerklich, dass ich es noch immer nicht klar fassen, aber doch immer deutlicher erspüren kann. Ein Teil dieses Wachstums war die Verwandlung meines Hasses. Mein Hass, das ist mir inzwischen mein Kampfhund, den ich gezähmt habe, gezähmt im Sinne von Saint Exepury: indem ich mich mit ihm vertraut gemacht habe. Nun braucht er weder Maulkorb noch Leine, und eine Bedrohung war er sowieso all die Jahre nur für mich, denn er schien mich zu zerfressen. Es würde Seiten füllen, diesen Prozess zu beschreiben, obwohl ich mich einmal sicher daran machen werde. Auslöser war damals der Krieg im Kosovo, der mich dazu brachte, einzusehen: das erste, und vielleicht auch das einzige, was ich tun kann, damit der Krieg aufhört, ist, den Krieg zu beenden, wo ich selber Krieg führe: gegen mich, gegen andere, aber auch gegen meinen Hass...

   Und inzwischen habe ich verstanden, dass dieser Kampfhund mich nur deshalb so gequält hat, weil er etwas geschützt hat (das Bild habe ich von Ihnen: die Hunde, die den vergrabenen Schatz bewachen....) Und wo immer ich drauf und dran bin, diesen Schatz zu veräußern, zu verraten, wird er wieder aktiv; aber ich verstehe inzwischen etwas schneller... . Er hat das in mir geschützt, was heil(ig) ist und ich selber nie als heil erfahren habe. Er hat das in mir geschützt, was da in mir wächst; was ich noch immer nicht erkennen kann und benennen, wovon ich aber, wann immer ich es wahrnehme, weiß: es ist gut, es ist heil(ung), es ist neues Leben, das in mir wächst. Und darauf wäre ich nicht gestoßen, wenn ich meinen Hass einfach nur bekämpft hätte anstatt ihn zu zähmen.

   Und noch immer ist es für mich ein frohes Ereignis, wenn es mir gelingt, morgens  vor acht Uhr aufzustehen – für Sie schon später Vormittag. Noch immer lebe ich von Sozialhilfe, noch immer bin ich nicht in der Lage zu Vielem, was für die meisten Menschen völlig normal ist, sei es der Besuch eines Schwimmbades, oder eines Konzertes, oder auch das Benutzen eines Verkehrsmittels – es sei denn, meines Fahrrads...

  Und noch immer liegt die Nacht nicht hinter mir, hat sie mich noch, hat die Schwere mich noch in Ihren Fängen. Aber ich sehe das inzwischen anders: „Schwer war die Nacht, mit aller Macht noch hält sie mich – und gibt mir guten Grund, ‘gen Himmel zu wachsen“.  „Guten Grund“ – damit meine ich nicht nur den Grund als Motiv, sondern, ganz anschaulich, den Boden, auf dem etwas wächst: Grund, Saatgrund. Die Nacht ist nichts Feindliches, sondern mein Saatgrund! In der Nacht erfahre ich etwas, was durch mich ans Licht gebracht sein will... Und niemals hätte dieses Wachstum in mir begonnen, wenn nicht in dieser ganz tiefen Nacht. Vorige Tage stieß ich auf einem Traum, den ich in einer dieser völlig von Unbewusstem überschwemmten Phase träumte:

 

Ich befinde mich in einer Unterwasserwüste, auf der Flucht. Es ist trostlos hier, überall lauern Gefahren, ich habe Angst und irre umher. Da öffnet sich auf einmal, völlig unvermutet, der Eingang zu einer Unterwasserhöhle und ein Mädchen winkt mich herein. In strahlendem Blau die Höhle, ein erstaunliches Kind, das Mädchen. Es kennt sich aus in dieser Wildnis, es kommuniziert mit den anderen Wesen, die hier leben und warnt sie z.B. vor Gefahren. Und: sie bewahrt das Feuer, mitten im Wasser in ihrem kleinen Palast.

 

   Ich habe meine Träume damals noch nicht ausgedeutet, auch diesen nicht, und möchte es auch jetzt nicht. Was dieser Traum mir ohne weitere Deutung sagt, ist mir mehr als genug.

Allein die Erinnerung, jetzt, wo ich sie aufschreibe, an die Begegnung mit diesem erstaunlichen kleinen Mädchen, das das Feuer bewahrt, und an das Blau, erfüllt mich mit vibrierender Energie und Freude, ja Glück. Und ich weiß, es ist wichtig, dass ich dieses kleine Mädchen getroffen habe, mir wichtig, und nur in dieser Unterwasserwüste konnte ich ihm begegnen, – weil es hier lebt. Und so war auch diese Phase, nach äußeren Kriterien gemessen eine Phase völliger Lebensunfähigkeit, wichtig.  Sie bedeutete eben nicht, dass ich nur gelebt wurde (wie sie schreiben, dass es Überschwemmung im Traum eigentlich immer bedeute), sondern gerade in der Überschwemmung, in der Unterwasserwüste, begegnete ich heilenden Kräften.

 

   Ich glaube, wenn ein Mensch eine Persönlichkeit entwickelt (entwickeln muss...), die von allen unbewussten Kräften rigide abgeschnitten ist, die kein Glück kennt, keine Phantasie, kein Genießen, keine Kreativität, keine Geborgenheit, kein ich weiß nicht was noch alles.., (und wenn dann noch Therapeuten gewaltsam versuchen, Zugang zu bekommen, womit sie die vorhandene Rigidität noch verschärfen, weil sich der Mensch gegen das gewaltsame, ihn als Person nicht achtende Vorgehen wehrt – wie oft das geschieht, Sie glauben es nicht! – und dieses Wehren nicht ernstgenommen wird als berechtigt, sondern als pathologischer Widerstand schon kalkuliert wird), muss es fast zwangsläufig zu Überschwemmungen durch Unbewusstes kommen, denn irgendwann bricht der Damm... und dann entsteht einerseits eine lebensbedrohliche Situation, aber andererseits kann etwas Neues beginnen...

 

„Der Weg nach Außen kommt immer von Innen“ – ein Kalenderspruch, der mich im letzten Jahr einen Monat lang begleitete. Etwas, was ich auch bei Ihnen immer wieder finde. Aber da, wo Sie so sprechen, wie ich es oben schrieb, wo Sie gar sagen : Du musst dich für das Leben entscheiden... – für mich ist das so, als rüttelten Sie da von außen an einer Tür, die nur von selber aufgehen kann, von innen und von selber, denn auch der andere kann sie nicht öffnen. Es ist ein Geschenk, wenn es geschieht. Alles, was wir tun können, ist, geeignete Bedingungen dafür zu schaffen, und das mag vor allem Vertrauen darin sein, dass es geschieht, wenn die Zeit reif ist. Wenn einer früh aufsteht, weil Sie ihn eindringlich ermahnt haben (nur als Beispiel), ist er dann nicht noch auf dem äußeren Weg?

   Ist es nicht vielleicht die eigene Hilflosigkeit, die einen an der Tür rütteln lässt, obwohl man genau weiß, dass sie so nicht aufgeht? Ich komme darauf, weil ich in Bezug auf meine eigenen Erfahrungen mit Therapie oft gedacht habe, dass die allerschlimmsten Verletzungen nicht hätten sein müssen, wenn der andere seine Hilflosigkeit hätte zugeben können, anstatt mit Brachialgewalt aufs Ganze zu gehen (und damit meine ich jetzt nur meinen Therapeuten!). Aber das konnte er nicht...

 

   Ich glaube, dass man versuchen sollte, den Menschen die Angst zu nehmen, vor ihrer Depression, vor ihrem Sich-gehen-lassen, vor ihrem Gejammer, – und das tun Sie auch an anderer Stelle, immer wieder.  Dass man auch der Depression mit Liebe begegnen sollte, auch ihr. Mit endloser, geduldiger Liebe. Vielleicht kann für manchen nur in der Depression, im Selbstmitleid, im Jammern, das Licht geboren werden.

 

Aber manchmal reicht die eigene Geduld nicht aus..., offenbar auch die Ihrige nicht. Manchmal erscheint es einem unerträglich, sieht man nur noch den Stillstand, denkt man: das ganze Gejammer führt doch zu nichts, da dreht sich jemand im Kreise... Ich weiß, ja, ich weiß wirklich nur zu gut, wie sehr einem Menschen auf die Nerven gehen können, von denen nie auch nur ein positives Wort kommt; die Tag um Tag und Jahr um Jahr an ihrer Depression und allem Negativem sich festzukrallen scheinen. Mir fällt dazu mehreres ein:

 

   Der Grundgedanke ist (gelernt von George Bateson), dass Eigenschaften von Menschen, die uns als feste Eigenschaften erscheinen, oft Beziehungseigenschaften sind. Jemand jammert „nur“, „immer“ – aber vielleicht tut er das nur in dieser einen Beziehung, oder in bestimmten Beziehungen. Auch in meinem Leben gab es Menschen, denen gegenüber ich nahezu immer gejammert habe, andere, die ich „verschont“ habe. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, wer oder was der oder die andere für einen ist, was er darstellt, was er präsentiert. Ich habe einmal einen Comicstrip gefunden, der dieses Problem sehr schön veranschaulicht.

 

Und weil ich nicht scannen kann, sei der Strip hier eben beschrieben:

Kater Garfield  wendet sich angewidert von ein paar Vögeln ab („Sie tun nichts weiter als Würmer fressen und im Vogelbad hocken. Sie amüsieren sich nie“ Doch sobald er außer Reichweite ist, beginnt das Leben: High Life pur, sogar Wasserski wird im Vogelbad gefahren.

 

   Welchen Menschen gegenüber jammert man? Wo lag bei mir der Unterschied? Ich habe das noch nicht ganz ergründen können, aber ich wage zu behaupten, dass die Jammerei nahezu immer Merkmal einer Abhängigkeitsbeziehung ist. Ich habe gejammert, um mich zu schützen: seht, wie schlecht es mir geht, also verschont mich mit Anforderungen ...(und das war o.k., denn ich musste mich schützen und hatte damals noch keine andere Möglichkeit, das zu tun).

   Und ich habe vor allem da nur gejammert, wo ich das Gefühl hatte, der andere hat den Ernst meiner Lage noch gar nicht begriffen, so dass ich immer noch eins drauf setzen musste, damit er/sie mich endlich ernst nähme – und so entstand ein verzerrtes Bild, weil kein Raum in diesen Beziehungen war für konstruktive Gedanken, die ich eigentlich auch zu jeder Zeit hatte. Aber die mochte ich nicht preisgeben, solange mein Unglück nicht gewürdigt war. Womöglich hätte der andere das nur als Entwarnung verstanden, es geht aufwärts, und ich kann mich jetzt reinen Gewissens zurückziehen. Da, wo ich mich grundsätzlich im Stich gelassen gefühlt habe, habe ich unaufhörlich gejammert; die Quelle war also auch eine ständig empfundene Kränkung; der andere hat’s leichter; und er oder sie hilft mir nicht, obwohl es ihm/ihr ein leichtes wäre...

 

   Inzwischen weiß ich, dass das oftmals eine Fehleinschätzung war, der andere nicht deutlich machte, wieviel Kraft das Leben auch ihn kostete (was er nicht zuletzt auch deshalb nicht wagte zu zeigen, weil er mich ja zum einen nicht belasten durfte (ein Teufelskreis!) und zum anderen aber das auch seine Auffassung von der Helferrolle gesprengt hätte.) Auch bei Ihnen hör ich das durch, ein ganz klein wenig – auch Sie steht „es“ nicht von selber auf morgens um 5 Uhr...

   Meine Erfahrung, meine sehr, sehr bittere Erfahrung ist, dass Helfer, professionelle und andere, oft zu einer Abhängigkeit erziehen, die sie gleichzeitig nicht wahrhaben wollen und irgendwann „schreiend davonlaufen“ vor einer Hilflosigkeit, in die sie den anderen erst gebracht haben. Die oben beschriebene verzerrte Interaktion: der Helfer will endlich etwas Positives von mir hören und geht auf mein „Gejammer“ nicht mehr ein, um es nicht noch zu verstärken – und ich verweigere, unbewusst, jeden positiven Gedanken, weil ich mit blinder Panik darauf reagiere, dass meine Not nicht mehr beachtet wird und meine, sie noch deutlicher machen zu müssen, worauf wiederum der andere sie noch weniger beachtet, und ich noch mehr jammer..., ist eine Situation, die, wenn der Kreislauf nicht unterbrochen wird, so sehr eskalieren kann, dass die Folgen katastrophal sein können. Irgendwann einmal, wenn ich ein Stück weit stabiler bin, wird es mir vielleicht gelingen, meine Erfahrungen diesbezüglich tiefer zu reflektieren und transparenter darzustellen. Im Moment kann ich’s nicht besser.

 

   Das sind meine Erfahrungen. Ich schreibe Sie Ihnen, weil Ihre Sätze in mir den Wunsch auslösten, diese Gedanken in Sätze zu fassen und festzuhalten. Und vielleicht auch, wenn ich den Mut habe, Sie Ihnen mitzuteilen. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, dass auch Sie sich so verhalten, wie ich es erlebt habe. Ich weiß nichts über Ihre Beziehungen zu Menschen, die Sie brauchen, die meinen, Sie brauchen zu müssen, die Hilfe brauchen. Aber ich spüre in Ihnen den Schatten meiner Therapien, einerseits, und ziehe immer wieder Inspiration aus dem, was Sie schreiben, andererseits. Denn Sie haben zum Beispiel auch geschrieben, dass ich mich ruhig in die Höhle zurückziehen darf, weil ich darauf vertrauen kann, dass, wenn die Zeit reif ist, ich sie auch wieder verlassen werde. „Wenn die Zeit reif ist...“ – es gibt keinen äußeren Maßstab dafür. Was ist das für ein Vertrauen, wenn es nur eine bestimmte Zeit gilt? Warum verlässt Sie dieses Vertrauen, wenn eine Depression zu lange dauert?

 

   „Wenn die Zeit reif ist...“ – im Moment bewegt sich vieles in meinem Leben, immer deutlicher wird mir der Ruf nach draußen. „Talitha kum“ , sang mir vor einigen Nächten eine Frau im Traum. Talitha kum...– und für einen Tag besiegte ich meine Traurigkeit und folgte dem Ruf und stand auf. Es war auch der Tag, an dem ich Ihr Buch zur Taufe bekam und an dem ich abends diesen Brief begann.

 

   Es dankt Ihnen für Ihr Schreiben von Büchern, und zwar für alles, auch das, was mich hier schmerzlich an meine Verletzungen erinnerte; weil es den Anstoß für diesen Brief gab und damit auch für ein Besinnen darauf, wo ich jetzt stehe.

21.10.07 22:11

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