Schattenspiele

Wissen Sie, was ich glaube? Dass sie alle als Kinder kein wirkliches Leid erfahren haben. Sonst wüssten sie, dass erst einmal die Erfahrung gemacht werden muss, dass Leben möglich ist in dieser Welt, bevor sie wieder und wieder mit dem Erlittenen konfrontieren. Die Gegenwart muss stabil sein, bevor etwas anderes geht.

Mit Ihrer Dummheit und Rohheit zerstören Sie Mensch um Mensch, richten unglaubliches Leid an, verraten die tiefsten und lebensfähigsten Wünsche und Fähigkeiten der Menschen, die zu Ihnen kommen.

Und Sie  machen immer noch weiter.

 

6.7.97

Sie (die Therapeuten der Klinik) haben mir alles genommen, was ich mir gewünscht habe. Dadurch, dass sie es mir gegeben haben, als ich noch nicht dazu bereit war. Ich kannte meine Wünsche noch nicht. (Klinik)

Sie haben mich hoffnungslos verschreckt und in eine unendliche Abhängigkeit gebracht – weil ich zu mir selbst nicht mehr zurückkonnte.

Und Sie haben mir noch einmal alles genommen, als ich, eben um mich nicht aufzugeben, noch einmal versucht habe, mich auf mich, mein Inneres, meine innersten Wünsche einzulassen – so, wie es mir von Therapeuten angetan wurde, so, wie offenbar, wenn ich therapeutische Hilfe will, der Weg dahin aussieht – und Sie haben sie mir noch einmal genommen, indem sie auf diesem Ich, auf diesen innersten meiner Wünsche, verpackt in fremde, erniedrigende Kleider, herumgetrampelt sind.

Sie, der bessere Mensch, wollten nicht Gegenüber dieser Erniedrigung sein. Sie sind ein Trottel. Es war eben keine. Sie haben innen mit außen verwechselt. Es war die einzige Möglichkeit, die ich hatte, das nach außen zu bringen – andere Kleider besaß ich nicht.

Es hat mich allen Mut der Welt gekostet, und alles Vertrauen der Welt, zu Ihnen, und zu mir, das zu wagen. Ihr Nicht-Begreifen hat mich beinahe umgebracht.

Nicht die Erniedrigung habe ich von Ihnen erwartet, gewünscht, sondern dass Sie begreifen, dass die Erniedrigung, dieses Sein, in das ich geriet, der einzige Weg war, etwas Lebenswichtiges zuzulassen – um dieses andere ging es, das dahinter, was raus wollte und musste, und nur so raus konnte.

Ich wusste vorher, und habe versucht, es Ihnen zu erklären, dass ich eine totale Abhängigkeit erleben muss, um wieder zu einem anderen Menschen zu gelangen, zu mir und zu anderen. Zu meiner Ärztin habe ich gesagt: „Der Weg nach draußen führt nur durch diese Hörigkeit – ich weiß nicht, warum, aber wenn ich da nicht durchgehe, komme ich nie mehr nach draußen.“

Es ging nicht um die Abhängigkeit an sich, verstehen Sie? Ich musste sie wagen, um wieder raus zu können. Sie haben das nicht verstanden. Sie dachten, es ginge mir darum. Sie haben mich bald umgebracht mir dieser Kränkung.

 

Nochmal für Doofe: Ihnen ging es darum, deutlich zu machen, dass Sie es nicht sind, der mich in diese Rolle presst, der dieses Verhalten, diese Art des Seins von mir erwartet. Mir ging es darum, etwas viel Wichtigeres nach außen zu bringen, lebbar zu machen: mein Ja, mein Vertrauen, mich selber. Und das ging nur in dieser Verpackung. Sie war Mittel zum Zweck. Nicht, weil ich dachte, Sie wollen das so, sondern, weil nichts anderes da war. Sie hätten mein Ja beinahe zerstört, weil Sie es für etwas anderes hielten, für ein erzwungenes vielleicht, weil Sie Verpackung und Inhalt verwechselten.

Ich war  mir sicher, dass Sie wirklich sehen können, aber Sie haben überhaupt nicht erkannt, was da Kostbares in den Raum zu Ihnen sich ans Leben raustraute.

Das Wagnis war, dass Sie die Dinge gnau so sehen, Wie Sie sie gesehen haben. Sie haben mich das, was ich rausbringen wollte, nicht rausbringen lassen – und daran bin ich bald zugrunde gegangen.

 

Was war es? Wollte ich Sie davon überzeugen, dass Sie das Falsche tun? Falsche Loyalität?

Ich glaube, ich habe gespürt, dass wir an das Gleiche glauben – ich weiß nicht genau, was es ist. Vielleicht die Wahrheit. Ja, das könnte sein. Ich wollte mit Ihnen zusammen die Wahrheit herausfinden, um die Wahrheit ringen.

Sie haben damals, nach den ersten sechs Sitzungen, gesagt: „Sie können so weitermachen wie bisher, sich durchkämpfen; oder aber, Sie wollen herausfinden, was los ist. Das können Sie, können wir in einer Therapie.“ – Ja. Mit Ihnen hätte ich das gewagt.

Doch auf einmal, bei der nächsten Begegnung,war da keine Rede mehr von. Als sei ich auf einmal in Ihrer Achtung gesunken. Als trauten Sie mir auf einmal nicht mehr zu, dass es mir um die Wahrheit geht, als sei ich nicht wahrheitsfähig. Vielleicht, weil Sie sich haben täuschen lassen von äußerem (s.o.).

Vielleicht aber auch, weil es Ihnen nicht mehr um die Wahrheit geht. Dann hätte ich mich getäuscht.

Es gibt nicht viele Menschen, mit denen man die Wahrheit herausfinden kann. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal einem begegne. Mit Ihnen hätte ich es gekonnt. Weil ich mit Ihnen vor nichts Angst gehabt hätte. Um diese Chance trauer ich, und trauer ich wahrscheinlich noch lange.

 

24.10.07 23:42

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